Buchempfehlungen , Archiv 2003


Die hier vorgestellten Bücher sind unsere ganz subjektive Auswahl. Unter Umständen haben sie nie auf einer Bestsellerliste gestanden, oft zeitlos aber brisant, manchmal entstaubt, doch immer mit Begeisterung gelesen:

Alice B. Toklas: Kochen für Gertrude Stein. Rezepte und Geschichten. Vorwort von Wolfram Siebeck.


Ein Kochbuch ist nicht unbedingt ein Kochbuch, ist eine Art Biographie, ist auch ein Lesebuch, ist wahrscheinlich aus Geldmangel entstanden, ist zum Lachen, ist zum Weinen, ist alles in allem ein Buch, das Aufmerksamkeit verdient!

"Ehe ich nach Paris kam, interessierte mich Essen, aber nicht das Kochen", so Alice B. Toklas, die von nun an immer sonntags kochte, wenn die Köchin Ausgang hatte. Verschiedene Kapitel wie "Mord in der Küche", "Gerichte für Künstler", "Wundervolle Suppe", "Wenig bekannte französische Gerichte, die sich für die amerikanische und englische Küche eignen", "Der Gemüsegarten in Bilignin", "Gerichte, die wir Tante Pauline und Lady Godiva verdanken" lassen ein Kochbuch der etwas anderen Art erahnen.

Durch zahlreiche Hintergrundgeschichten um die Rezepte herum ist Kochen für Gertrude Stein zu einem persönlichen und zeitgeschichtlichen Dokument geworden, das höchsten Lesegenuß garantiert. Die Gerichte selbst versprechen in ihrer Üppigkeit nicht nur Sinnesfreuden, sondern auch wachsende Leibesfülle, wenn das Creme Rezept "Vollkommene Liebe" vierhundert Gramm Zucker, drei Tassen Schlagsahne und acht Eier fordert; auch nimmt man nicht einfach eine Poularde, sondern "eine schöne fette Poularde" und die "Jungfernsauce", laut Ms. Toklas "köstlich zum kalten Fisch", benötigt unbedingt fünf Esslöffel Butter pro Person.
Bon appétit!

Alice B. Toklas: Kochen für Gertrude Stein. Rezepte und Geschichten. Vorwort von Wolfram Siebeck

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William Makepeace Thackeray: Vanity Fair / Jahrmarkt der Eitelkeit. Ein Roman ohne Held. Gesellschaftsroman 1847/48


Wir haben Vanity Fair zum Buch des Monats gewählt, weil hier Lebensgeschichten erzählt werden, die zwar fiktiv, doch ungleich inhaltsreicher und amüsanter sind als zahlreiche sog. Autobiographien und Enthüllungsbücher, mit denen wir im Moment überschwemmt werden.

In Vanity Fair geht es um die ironische Entlarvung menschlicher Schwächen und darum, wie sich die Romanfiguren durch ihr Handeln als eitel, egoistisch, geistlos oder infam enthüllen. Ein Kaleidoskop aus lebendigen Eindrücken erwartet die Leserschaft.

Um mit Thackeray selbst zu sprechen: "Da wird in Hülle und Fülle gegessen und getrunken, geliebt und kokettiert, gelacht und geweint, geraucht, betrogen, gerauft, getanzt und gefiedelt; da treiben sich Windbeutel herum, Stutzer äugen nach den Frauen, Schelme greifen in fremde Taschen, Schutzleute sind auf dem Posten, Quacksalber (es gibt also außer mir noch andere Marktschreier - die Pest soll sie holen!) schreien vor ihren Buden, und Landleute starren auf flitterbehangene Tänzer und arme alte geschminkte Gaukler, während sich Langfinger hinterrücks an ihren Taschen zu schaffen machen. Ja, das ist der JAHRMARKT DER EITELKEIT; kein moralischer Ort sicherlich; auch kein lustiger, wenn auch ein sehr geräuschvoller."
Thackeray schuf mit Vanity Fair zwei Frauengestalten, die unterschiedlicher nicht sein können: Die Freundinnen Amelia Sedley, Tochter eines reichen Geschäftsmanns und Rebecca (Becky) Sharp, Tochter eines mittellosen Künstlers und einer französischen Tänzerin. Die eine, Amelia, ganz dem viktorianischen Frauenideal entsprechend, von allen geliebt, kehrt in den Schoß ihrer respektablen Familie zurück. Die andere, Becky, verwegen das berühmte Abschiedsgeschenk des Pensionats - Johnson's Dictionary - aus dem Kutschfenster werfend, nimmt ihr Leben selbst in die Hand und verstößt damit gegen alle Konventionen.

Thackery läßt seinen Roman mit den Worten enden: "Ach! Vanitas vanitatum! Wer von uns ist auf dieser Welt glücklich? Wer von uns hat, was er wünscht und wenn er es besitzt, wer ist zufrieden? - Kommt, Kinder, wir wollen die Puppen in den Kasten tun; denn unser Spiel ist aus."

Aber lesen Sie selbst! Für Sie geht der Vorhang erst auf!
Wir empfehlen ein langes Novemberwochenende - dem Sog zu entkommen fällt schwer. So glaubt man nach einer Weile gar am Russell Square zu leben und sucht nach Tric-Trac Mitspielern...

William Makepeace Thackeray: Vanity Fair / Jahrmarkt der Eitelkeit. Ein Roman ohne Held. Gesellschaftsroman 1847/48

Rose Ausländer: Gedichte

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